Judith Haudum
30.9.2026
Blog

Relativer Energiemangel im Sport - die Rolle der Kohlenhydrate

Das aktuelle IOC-Konsens-Papier beschreibt problematic low energy availability (LEA) weiterhin als zentralen Auslöser von Relativem Energiemangel im Sport (relative energy deficiency, in sport, REDs). Entscheidend ist dabei, wie viel Energie nach Abzug der Trainingsbelastung für die physiologischen Funktionen des Körpers verfügbar bleibt. Das Syndrom betrifft deshalb nicht nur Menstruation oder Knochen, sondern zahlreiche Systeme – unter anderem Stoffwechsel, endokrines System, Knochen, Immunfunktion, Hämatologie und psychische Gesundheit.

Nicht nur Energie zählt – wir erkennen immer mehr, wie entscheidend die Kohlenhydrate sind.

REDs wird häufig mit sehr niedrigem Körpergewicht, ausbleibender Periode oder extremem Trainingsverhalten verbunden. Doch das Bild ist heute deutlich differenzierter. Der Körper kann bereits auf eine unzureichende Energieversorgung reagieren, lange bevor solche offensichtlichen Zeichen auftreten. Neue Forschung zeigt zudem, dass neben der Energieverfügbarkeit auch die Kohlenhydratverfügbarkeit eine wichtige Rolle spielen kann.

Mit Kohlenhydratverfügbarkeit meint man, wie viel Kohlenhydrat-Energie dem Körper tatsächlich zur Verfügung steht. Sie setzt sich aus dem in Muskeln und Leber gespeicherten Glykogen sowie der Kohlenhydratzufuhr vor und während des Trainings zusammen.

Eine niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit kann bestimmte Stoffwechselprozesse verändern (Knochen, Muskel usw.). Interessanterweise wurden solche Veränderungen auch beobachtet, wenn insgesamt ausreichend Energie zur Verfügung stand. Das bedeutet nicht, dass eine kohlenhydratreduzierte Ernährung automatisch problematisch ist – entscheidend sind Dauer, Trainingsbelastung und die gesamte Energieversorgung.

Ein komplexes Zusammenspiel

REDs lässt sich nicht auf ein einzelnes Symptom, einen Laborwert oder das Körpergewicht reduzieren. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Anpassungen des Körpers an eine längerfristig unzureichende Versorgung. Energieverfügbarkeit, Kohlenhydratverfügbarkeit, hormonelle Regulation und Körperzusammensetzung stehen dabei miteinander in Verbindung. Die aktuellen Forschungsergebnisse zeigen immer deutlicher, dass der Körper sehr sensibel auf eine nicht ausreichende Versorgung reagieren kann – oft lange bevor die Veränderungen nach außen sichtbar werden.

Kohlenhydrate und Hormone - vielleicht ein unterschätztes Zusammenspiel

‍Besonders interessant sind neue Erkenntnisse zu den hormonellen Veränderungen bei niedriger Energie- und Kohlenhydratverfügbarkeit. Unter einer niedrigen Energieverfügbarkeit zeigten sich bei gleichzeitig niedriger Kohlenhydratverfügbarkeit stärkere Veränderungen bestimmter hormoneller Marker. Bereits nach vier Tagen mit niedriger Kohlenhydratverfügbarkeit sanken die Muskelglykogenspeicher deutlich, während sich verschiedene Stoffwechselmarker veränderten. Besonders interessant: IGF-1 nahm ab und ein Marker für den Knochenabbau stieg an, obwohl die Energieverfügbarkeit insgesamt ausreichend war.. Eine höhere Kohlenhydratverfügbarkeit konnte einige dieser Veränderungen teilweise abschwächen. Damit wird zunehmend deutlich, dass nicht nur die Energiemenge, sondern auch die Verfügbarkeit von Kohlenhydraten für die hormonelle Regulation relevant sein kann.

REDs zeigt sich nicht immer auf der Waage.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Körperzusammensetzung. REDs bedeutet nicht automatisch Gewichtsverlust oder einen sehr niedrigen Körperfettanteil. Aktuelle Daten zeigen, dass eine unzureichende Energieversorgung mit Veränderungen verschiedener Komponenten der Körperzusammensetzung zusammenhängen kann – darunter Muskelmasse, Knochen und Fettgewebe. Gleichzeitig kann das Körpergewicht relativ stabil bleiben. Die Zahl auf der Waage erzählt deshalb nur einen kleinen Teil der Geschichte. Eine vermeintlich „normale“ oder unveränderte Körperzusammensetzung schließt REDs daher nicht aus.

Es bleibt spannend

Besonders die neuesten Forschungsergebnisse rund um die Kohlenhydratverfügbarkeit sind interessant. Daten deuten darauf hin, dass sie eine eigenständige bzw. verstärkende Rolle bei LEA spielen kann. Diese beiden Faktoren können sich überlagern und gegenseitig verstärken. Noch gibt es viele offene Fragen, aber neue Forschungsprojekte werden aufzeigen, wie weit die Rolle der Kohlenhydratverfügbarkeit reicht. Vorerst gilt: ausreichende Kohlenhydratzufuhr anstreben. Das heißt nicht, dass von Nüchterntraining oder Training mit periodisierter Zufuhr generell abgeraten wird. Aufgrund der neuen Erkenntnisse sollten jedoch auf allgemein ausreichende Kohlenhydratezufuhr geachtet werden, um negative Auswirkungen zu verhindern.

Ergänzende Literatur:

Godley et al. (2026). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) and Body Composition. Sports (Basel, Switzerland), 14(8), 314. https://doi.org/10.3390/sports14080314.

Mosquera-Lopez et al. (2026). Low Carbohydrate Availability in Energy Balance Alters Bone Turnover and Muscle Proteomic Response With Limited Endocrine Disruption. FASEB journal : official publication of the Federation of American Societies for Experimental Biology, 40(17), e72204. https://doi.org/10.1096/fj.202602531R.

Mountjoy et al. (2023). 2023 International Olympic Committee's (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). Br J Sports Med, Sep 57 (17): 1073-1097.  doi: 10.1136/bjsports-2023-106994.

Nusser et al. (2026). Increased carbohydrate availability partially attenuates endocrine suppression in response to low-energy availability. Journal of applied physiology (Bethesda, Md. : 1985), 141(2), 538–549. https://doi.org/10.1152/japplphysiol.00207.2026.

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